|
Flurnamenwanderungen des HGV Beilstein
In jedem Jahr füührt der Beilsteiner ein bis zwei Flurnamenwanderungen durch. Wolfgang Donner kennt sich in der Gemarkung sehr gut aus und hat die Erklärungen zu den alten Namen, deren Bedeutungen heute kaum noch jemand kennt, aus der Literatur zusammen getragen. Bei seinen Wanderungen zeigt er, wo die einzelnen Flurstücke in der Gemarkung zu finden sind, wie sie zu ihren Namen gekommen sind und was diese Namen bedeuten. In der Folge sind einige Berichte mit Bildern und den Erklärungen von Wolfgang Donner zusammen gestellt, um die Flurkarten von Beilstein und Haiern verständlicher zu machen. Die jeweils nächsten Wanderungen sind mit Zeit und Treffpunkt im Veranstaltungskalender verzeichnet
Flurnamenwanderung am 28. April 2012
 |
Jedes Jahr lädt der Beilsteiner Heimat- und Geschichtsverein zu einer Flurnamenwanderung im Frühjahr ein. Wolfgang Donner kennt sich mit den alten Flurnamen, wie sie vor der Flurbereinigung üblich waren, sehr gut aus und kann auch die meisten Dialektausdrücke im heimischen Platt erklären. An diesem Samstag konnte der Vorsitzende Martin Kröckel wieder eine größere Wandergruppe begrüßen, diesmal am ehemaligen Backhaus in Rodenberg. Wolfgang Donner führte die Gruppe entlang der Gemarkungsgrenze zwischen den beiden Dörfern Beilstein und Haiern, die auch bis ins 19 Jahrhundert bis auf wenige Unterbrechungen die Landesgrenze zwischen den beiden Herrschaften Nassau-Dillenburg und Nassau-Beilstein, später Nassau-Diez gewesen war. Heute ist die Gemarkungs- und ehemalige Landesgrenze nicht mehr leicht zu erkennen, weil sich Wiesen und auch Wald oder Hecken auf der ganzen Fläche erstrecken und selbst die ehemaligen Wege, die die Flurstücke begrenzten, teilweise zugewachsen sind. Nur noch an den Grenzsteinen, soweit sie nicht ganz zugewachsen sind, kann man die einzelnen Parzellen erkennen. Früher wusste jeder genau, in welchem Flurstück wer wieviel Land besaß, aber heute in Zeiten der Satellitennavigation kann man ohne großen Aufwand jedes Stück zentimetergenau finden. Zum Glück wurde schon um 1930 ein Projekt gestartet, bei dem die Dorfschullehrer aufgefordert waren, die alten Flurnamen im heimischen Dialekt aufzuzeichnen. Diese Listen und alte Karten helfen heute weiter, wenn es um alte Flurnamen geht. Diese Namen waren oft sehr genaue Beschreibungen der Qualität, der Nutzung und der Besitzverhältnisse. Namen wie Triesch beschreiben schlechtes Land, das oft mehrere Jahre brach liegen musste, ehe es wieder Ertrag brachte. Seifen waren nass Wiesen mit Quellen und sumpfigen Stellen, aus denen Wasser floss, mit Struth bezeichnete man oft nasse oder steinige Buschwälder mit geringem Ertrag. Begriffe wie Flachsacker erklären sich selbst und Hermes-Wiese gehörte der Familie Hermann - mundartlich Hermes genannt.
Auf dem Rundweg zwischen Haiern und Rodenberg gab es eine guten Überblick über große Teile der beiden Gemarkungen mit den entsprechenden Erläuterungen von Wolfgang Donner und etlichen älteren Mitwanderern, die noch genau wussten, wie die einzelnen Stücke vor der Flurbereinigung hießen und wie sie genutzt wurden.
 
Flurnamenwanderung am 21.10. 2007
Entlang der Grenze zwischen Haiern und Beilstein
 |
| Bei herrlichem Herbstwetter waren rund 20 Wanderer | | bei der 8. Beilsteiner Furnamenwanderung dabei. |
Der Heimat- und Geschichtsverein Beilstein startete am Samstag, den 20. Oktober 2007 um 14.00 Uhr eine Flurnamen-Wanderung. Es war nun schon die achte Veranstaltung, die Wolfgang Donner führte und bei der es diesmal entlang der Grenzen zwischen den ehemaligen Gemarkungen Beilstein und Haiern ging. Auch diesmal wurden Flurstücke in den beiden Gemarkungen gezeigt und versucht, die alten Namen anhand alter Schreibweisen und Herleitungen aus dem Mittelhochdeutschen bzw. mundartlichen Überlieferungen zu finden. Bei wunderbarem Herbstwetter kamen ca 20 Personen zum Treffpunkt an der Ulmbachbrücke unterhalb des Sportplatzes in Beilstein.
Gleich am Start gab es schon Flurnamen zu erklären, so der Dilpelgarten:
Dilpel Im 16. Jahrhundert lautet die Bezeichnung Dölpel; hieraus wurde bis heute "Tölpel". Im Mittelhochdeutschen bezeichnete man als Dölpel oder Tölpel einen bäurischen, nicht höfisch gebildeten Mensch, eigentlich Dorfbewohner. Die Bezeichnung kann somit ein Hinweis darauf sein, dass der Garten früher Eigentum der Dorfbewohner war. Beachtenswert ist aber auch die Tatsache, dass von 1613 bis 1616 für Beilstein ein Keller Namens Conrad Dilph genannt wird.
Für die Bezeichnung Garten kann es zwei Gründe geben. Entweder lagen diese Grundstücke in Hof- oder Dorfnähe oder sie waren mit dem Gartenrecht ausgestattet. Die hofnahen Gärten waren ein umzäuntes kleines Stück Land und dienten früher hauptsächlich der Anzucht der Rüben und Gemüsepflanzen, aber auch als Gemüsegärten. Besonders beliebt waren Lagen an Südhängen, wo alles besonders früh wuchs.
Das Gartenrecht bedeutet, dass die Fläche ausschließlich der privaten Nutzung unterstand und kein Hirte mit der Dorfherde auf ihnen hüten durfte.
Auf der Bleich
Bleichen, mhd. bleiche = Blässe. Die entsprechenden Flächen waren dann Bleichplatz für Wäsche oder Flachs und Leinenstoffe. Flachs als Rohstoff für Leinen war bereits 1779 Grundlage der "Linnen spinnerey" der Brüder Kegel in Beilstein. Hauptsächlich war er aber für den Eigenbedarf an Kleidung und Haushaltswäsche bestimmt.
Ohlebach
Ohl bezeichnet ein von einem Fluss, meistens an einer Krümmung angeschwemmtes Gelände. (Quelle: Sauerland) Es kann sich um ein Stück Schwemmland zwischen dem Ulmbach und einem Nebenbach oder in einer Kurve des Ulmbaches handeln.
Anschließend führt dann der Weg über den ehemaligen Mühlenweiher zur Grenze zwischen Beilstein und Haiern. Über die "Wiese" wurde dann weiter gegangen auf dem Weg zum Haierner Berg oder der Hoo Gass in den Hain.
Diese Lage wird sowohl in Haiern, Beilstein und Rodenroth verwendet. Der Flurname Hain kann den Ursprung in han, hon, hun haben, eine Benennung aus der Sprache der alteuropäischen Jäger, Hirten, Fischer und Sammler, welche ab 8000 v. Chr. Mitteleuropa besiedelten. Mit diesem Wort wurden Sümpfe oder Moore benannt. Die ursprüngliche Benennung wurde dann in "Hain" umgedeutet, was den ursprünglichen Bezug verfälscht.
Die mundartliche Aussprache zeigt noch deutlich die Unterscheidung, zwischen "Hain" = mundartlich Hoa und Haiern (Hain und Hagen) = mundartlich Haan. Immer wieder boten sich herrliche Blicke über das Ulmbachtal hinüber zu den wunderbar herbstlich bunten Waldrücken der Weisenheck, Bergerstein und Geierstein
Der Rückweg führt dann über die Thöngeswiese, wo die Frage dann geklärt wurde; wer oder was ist nun der, die oder das Thönges?
Thönges ist die mundartliche Ableitung von Antonius. Dieser ist der Schutzheilige gegen Feuer, Pest und Seuchen, besonders gegendas "Antoniusfeuer", ein im Mitttelalter häufige Krankheit, die durch mit Mutterkornpilzen verunreinigtes Korn verursacht wurde. Es kann daher möglicherweise auch ein Hinweis auf einen vor der Reformation dort errichteten Bildstock sein.
Auch ist ein Zusammenhang zu dem Namen eines früheren Eigentümers oder Nutzers möglich. In der Untertanenliste von Haiern aus dem Jahre 1740 wird mehmals der Vorname Thönges aufgeführt.
Der alte Berg und die Schmalburg
Die Bedeutung von alt wird oft auch gebraucht für "früher" oder "vor langer Zeit". Auch wird Alt für "ehemalig" oder "nicht mehr vorhanden" verwendet.
Oft handelt es sich daher um bereits früh bezeugte, seit alters her genutzte Flurteile. Manchmal findet sich das gleiche Grundwort mit dem Beiwort Neu- in der benachbarten Flur.
Mit "Alt" werden aber auch Flächen benannt, die nicht gedüngt und nur im größeren Abstand einmal genutzt wurden. Alt steht dann aufgrund des geringen Ertrages. Die Bezeichnung Alt kann ebenso ein Hinweis auf keltische Siedlungstätigkeit sein.
Der alte Berg wäre dann die heutige Schmalburg>
 |
| Zum Abschluss der Wanderung versorgte Iris Donner | | die Teilnehmer mit Kaffee selbst gebackenem Kuchen. |
Berg bezeichnet meist den Berg im geographischen Sinne, aber manchmal wird das Wort auch im Sinne von (ver-) bergen gebraucht. Dann steht der Begriff für einen sicheren Ort in Not und Kriegszeiten. Berg hat seinen etymologischen Ursprung ohnehin in der Bedeutung verbergen und Zufluchtsort.
Für die ältere Sprache hat schmal nicht nur die Bedeutung von eng, sondern steht auch für klein, gering oder kärglich ("Schmale Kost"= ärmliches Essen). Dies könnte in diesem Zusammenhang ein Hinweis auf eine kleine Burganlage oder eine Wallanlage sein. Im ahd. hatte Burg die Bedeutung befestigte Höhe oder Berg. Wenn ein Zusammenhang zwischen den beiden Lagebezeichnungen "Alter Berg" und "Schmalburg" hergestellt werden kann, kann dies ein Hinweis auf die Kelten sein, die in unserer Gegend viele durch Wallanlagen gesicherte Höhensiedlungen hatten z.B. Steinringsberg.
Zurück ging es zur Ulmbachbrücke wo dann bei Kaffee und Kuchen, den Iris Donner für die hungrigen Wanderer gebacken hatte, die Wanderung abgeschlossen wurde.
nach oben 
Flurnamenwanderung am 12. 5. 2007
 |
| Der Tiergarten - der Name stimmt noch | | Wolfgang Donner (r) erklärt Flurnamen in Beilstein |
Am Samstag dem 12. Mai führte Wolfgang Donner vom Beilsteiner Heimat- und Geschichtsverein rund zwanzig interessierte Mitwanderer, die sich auch von gelegentlichen Regenschauern nicht abschrecken ließen, durch einen Teil der Beilsteiner Gemarkung. Die inzwischen siebte Flurnamenwanderung, begann an der ehemaligen Tongrube Rassel und folgte zuerst ein Stück dem sogenannten Totenweg. Dieser etwas schaurige Name kommt daher, dass auf diesem Weg bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Toten aus dem Filialort Rodenroth zum gemeinsamen Friedhof der Kirchengemeinde Beilstein-Rodenroth nach Wallendorf getragen wurden. Die letzte Beerdigung in Wallendorf, wo auch die erste Kirche der Gemeinde stand, fand 1907 statt. Ab da hatten Beilstein, Haiern und Rodenroth eigene Friedhöfe. Von diesem Weg ging es zwischen Christköppel und Kreuzberg hindurch am Galgenberg entlang in Richtung Tiergarten. Diese Namen waren alle leicht verständlich und erklären sich weitgehend selbst. Vom Totenweg vor dem Christköppel hatten die Wanderer einen prächtigen Überblick über fast die ganze Beilsteiner Gemarkung und Wolfgang Donner konnte auch die ehemaligen Gemarkungsgrenzen zeigen, die im Süden und Osten auch gleichzeitig Landesgrenzen waren. Dort grenzte das Land der ehemaligen Grafschaft Nassau Beilstein an Solmser Herrschaftsgebiet der Gemarkung Greifenstein. Seit dem frühen 19. Jahrhundert gehörte dieses Gebiet zu Preussen und so findet man noch heute im Wald an den ehemaligen Gemarkungsgrenzen alte Grezsteine, auf denen auf einer Seite HN 0 Herzogtum Nassau und auf der anderen Seite KP = Königreich Preussen steht. Am Tiergarten entlang, wo die Beilsteiner Herrschaft ein Wildgehege hatte, ging es durch den Wald in Richtung der Wüstung Salzdorf. Im Wald waren noch alte Ackerraine und Langfluren zu erkennen, die zeigen, dass dort, wo heute hohe Bäume stehen, früher einmal Felder und Wiesen waren. Von Salzdorf selbst ist nichts mehr zu sehen. Es war eine Siedlung,die im 14 Jahrhundert nur kurze Zeit bestand und wahrscheinlich während der Pestzeit ab 1340 wieder verschwand. Der Name hatte sicher nichts mit Salz zu tun, ist aber, wie viele alte Flurnamen nicht sicher zuzuordnen, weil es mehrere mögliche Deutungen und Bedeutungen gibt.
nach oben 
Flurnamenwanderung am 21. 10. 2006
 |
| Getroffe werd sich im Aje | | Wolfgang Donner (r) erklärt Flurnamen in Haiern |
Die vierte Beilsteiner Flurnamenwanderung unter der Führung von Wolfgang Donner schien am Samstag Morgen noch ins Wasser zu fallen. Bis um 14 Uhr hatte sich aber das Wetter so sehr gebessert, dass eine ansehnliche Gruppe von Mitwanderern den Weg an den Ortsrand von Haiern "Innerm Aijen" fand. Das hochdeutsch als "Im Eichen" in der Flurkarte stehende Stück wird in der Mundart "Im Aje" ausgesprochen. Es hat wohl weniger mit der Eiche zu tun, als mit dem Begriff "Eigen"land und steht im Gegensatz zum benachbahrten "im Ahlen", mundartlich "Oll" genannt, dem von der Allgemeinheit genutzten "All"mendeland.
Wie sehr die Landschaft die Flurnamen prägte, zeigt sich an den häufig vorkommenden Namensteilen "-struth", was "Sumpf, nasser Buschwald, Dickicht" bedeutet, und "-seifen", was einen sumpfigen Quellhorizont beschreibt. Auch Born für Quelle, Hecke für als Niederwald genutztes Gehölz, Schlag für (Schweine)-Waldweide mit Eichelmast und andere beschreibende Flurnamen zeugen davon, dass das Leben unserer Vorfahren nicht leicht war. So sind Namen mit "-boden" für gutes ebenes Ackerland oder "-gärten" nicht sehr häufig.
 |
| Viele alte Flurnamen geben Auskunft über das | | historische Landschaftsbild. | An manchen Stellen kommen auch Familiennamen wie Hermes (=Hermanns) vor, die Auskunft über den ursprünglichen Besitzer geben. Eigennamen wie "Nickels" (Nikolaus = Schutzherr der Händler und Reisenden) oder "Dönges" (Antonius = Schutzheiliger gegen Seuchen, besonders die in schlechten Jahren häufige Mutterkornvergiftung, die Antoniusfeuer genannt wurde) können sowohl auf den Besitzer wie auf einen Bildstock oder Kapellchen des betreffenden Heiligen hindeuten. Da diese Heiligenverehrung im Zuge der Reformation verschwand, lässt sich heute nicht mehr genau sagen, woher die Flurnamen kommen.
 |
| Blick über Haiern in Richtung Beilstein | Manche Namen haben durch die Übertragung ins Hochdeutsche ihren ursprünglichen Sinn verloren. Neben "Eichen" statt "Ajen" nannte Wolfgang Donner auch den Bürgerstein als Beispiel, der eigentlich Bergerstein heißt. Der Name kommt wohl daher, dass sich in dem felsig zerklüfteten und stark bewaldeten Stück zu Kriegszeiten die Einwohner des Dorfes mit Vieh und Habe vor plündernden Soldaten ver"bergen" konnten.
Der sehr lehrreiche und spannende Rundgang endete mit einer Überraschung: Iris Donner hatte für alle Mitwanderer Kaffee und Kuchen mitgebracht, was nach dem ausführlichen Spaziergang in der frischen Luft gern und dankbar angenommen wurde.
Veranstaltungshinweise
nach oben 
|